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Torwächter der Vergangenheit

Vermittler und Vermittlungsprozesse von historischem Wissen im Film (zusammen mit J. Pause (TU Dresden))

 

Die bildgewaltige Inszenierung vergangener Epochen ist bereits seit den Tagen des frühen Stummfilms, spätestens seit D.W. Griffiths dreistündigem Meilenstein Intolerance (1915), eines der zentralen Anliegen des Spielfilms. Das „Jahrhundert der Bilder“ (G. Paul), so scheint es, ist nicht nur selbst in erster Linie als visuelles in das kollektive Gedächtnis eingegangen, es hat auch seine mediale Vor- und Frühgeschichte – sämtliche Epochen von der Stein- bis zur frühen Neuzeit – in Bilder übersetzt. Historische Ereignisse und Persönlichkeiten ebenso wie Mythen und Legenden sind in den Produktionen in vielfältiger Weise in Szene gesetzt und um einige Abweichungen und auch um ganz neue Fiktionen ergänzt worden. Bis auf wenige Ausnahmen unterliegt dabei bis heute jeder ‚Historienfilm’ grundsätzlich dem Historismus-Verdacht: Die Vergangenheit, so der Vorwurf, werde in solchen Werken als abgeschlossenes und homogenes Szenario entworfen und auf diese Weise eigentlich enthistorisiert; Geschichte werde auf individuelle Schicksale reduziert, deren archetypische Gestaltung den Gang der Ereignisse bestenfalls als Bestätigung ‚ewiger’ menschlicher Wahrheiten erscheinen lasse. Als historisch, so der Tenor, erschienen die Filme nur in der Hinsicht, dass sie selbst Dokument ihrer Entstehungszeit seien: Zu analysieren seien deshalb die expliziten und impliziten Hinweise auf ideologische Vorannahmen, die am Ende die Konturen des Geschichts-Bildes der Filmemacher und ihrer Epoche erkennen ließen.

Nur selten wird dem Film selbst – wenigstens dem Unterhaltungsfilm – zugetraut, diese Dimension seiner historischen Darstellung auf inhaltlicher Ebene zu reflektieren. Anders als die Schrift behaupte das Filmbild stets suggestiv seine eigene Wahrheit und erlaube keinen kritischen Umgang mit der rekonstruierten Vergangenheit, die es entwerfe. Allein Experimentalfilmen, etwa den avantgardistischen Filmessays Alexander Kluges, wird ein reflektierter und zur Reflexion einladender Umgang mit Geschichte zugetraut – um den Preis der fortwährenden Zerstörung ihrer diegetischen Illusion freilich. Dem klassischen ‚historistischen’ Historienfilm lässt sich jedoch noch eine andere filmische Auseinandersetzung mit Geschichte entgegenstellen, die bislang weniger Beachtung gefunden hat: Der Film, der die Suche nach historischen Wahrheiten, die Recherche und Freilegung vergessener Schichten der Vergangenheit selbst als Motor seiner Dramaturgie einsetzt.

In solchen Filmen, die aus der Gegenwart oder zumindest einer bestimmten Phase der 'Moderne' auf die Historie zurückblicken, erhält die Vergangenheit nicht selten den Charakter eines dunklen Geheimnisses: Sie entzieht sich der Visualisierung und wird zu einer Sphäre der Bilderlosigkeit, die gerade deshalb Macht über die Gegenwart ausübt. Die Aufdeckung und Visualisierung des Wissens findet häufig nur in kurzen ‚Momenten der Erkenntnis’ statt, die filmisch in besonderer Weise inszeniert werden. Die Wissensvermittlung erwächst dabei aus verschiedenen Zusammenhängen: Manchmal ist sie Ergebnis eines Selbststudiums beziehungsweise eines Abenteuers des Protagonisten, meistens jedoch wird der Akt der Vermittlung durch einen Vermittler vollzogen. Akteure dieses durch Fremdeinwirkung gewonnenen Kenntnisgewinns historischen Wissens sind neben den Angehörigen diverser Geheimgesellschaften häufig Wissenschaftler beziehungsweise ausgewiesene Spezialisten. Oft geschieht dieser Vermittlungsprozess durch eine Person, die mit ihrer Wissensautorität den Habitus einer – oft wirren, meist nicht wenig aufgeregten – Nestorgestalt ausstrahlt. Doch auch eine Vielzahl anderer Vermittlergestalten in allen möglichen Situationen ist zu identifizieren. So kann die Vermittlung beispielsweise auch durch einen nicht weiterführend charakterisierten Erzähler eingangs des Films oder durch das Studium eines Buches im Verlauf der Handlung geschehen, wobei als Vermittler dann der Autor dieses Werkes agiert.

Ziel des Projektes ist es, sowohl die unterschiedlichen Archetypen des Vermittlers als auch den eigentlichen Moment der Vermittlung und die damit verbundenen Darstellungsformen von Erkenntnis zu erfassen, zu ordnen und zu analysieren. Ein diachroner Zugang soll Aufschluss darüber geben, welche Typen, Funktionen und Artikulationsformen von Wissen in den unterschiedlichen filmhistorischen Epochen zur Darstellung kommen und wie diese jeweils konnotiert werden: Welche Informationen gelten überhaupt als wissenswert, welche Weltbilder verbinden sich damit, welche Wissensformen werden ausgegrenzt? Besonderes Augenmerk liegt dabei auf Strategien der Mystifizierung und Sakralisierung von Wissen: So umgibt die Experten der Filmwelten nicht selten eine Aura des Gefährlichen und Geheimnisvollen, häufig tritt er aber auch als skurrile oder absonderliche Figur auf oder erscheint als schutzbedürftiger, zum Autismus neigender Weltfremdling. Oftmals werden Klischees und Archetypen der Darstellung aber auch unterwandert: Die Gegenüberstellung von ‚Geist’ und ‚Körper’ etwa scheint in populären Figuren wie ‚Indiana Jones’ längst aufgehoben. Zu fragen ist letztlich, ob sich dem ‚Historiker-Film’ ein ebenso reaktionäres Geschichtsbild unterstellen lässt wie dem ‚Historienfilm’, oder ob die unumgängliche Vermittlung von Gegenwart und Vergangenheit, die in diesen Filmen geleistet wird, eine Reflexion des eigenen Geschichtsbildes nicht notwendig nach sich zieht. Dabei erscheint es als unerheblich. ob das vermittelte historische Wissen irgendeinen Bezug auf Erkenntnisse von Historikern nimmt oder völlig frei erfunden ist: Die Einschränkung auf ‚historisches’ Wissen folgt in erster Linie einer pragmatischen Notwendigkeit der Begrenzung; die Untersuchung beansprucht durchaus repräsentativen Charakter und soll zumindest andeuten, dass die Ergebnisse in großen Teilen auch auf andere Filmgenres übertragbar sind.

 

Publikationen

J. Albers – J. Pause, Herakles und die Amazonen. Filmische Transformationen eines antiken Mythos, in: A.-B. Renger – A. Wieber (Hrsg.), Inszenierung von Frauen und Männern: Geschlechter(sub)texte in europäischen Antikfilmen (eingereicht zum Druck 2010).

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