Sie sind hier: Startseite Forschung Selinunt - Töpferviertel Architektonischer Befund

Architektonischer Befund

Das Grabungsareal

Das am Hang gelegene Grabungsareal misst 85,00 m in west-östlicher bei 18,00 m nord-südlicher Ausdehnung (Abb. 3). Nachgewiesen wurde im Osten die archaische Stadtmauer mit einem parallel zu ihr verlaufenden Weg und einem kleinen Platz, im Süden – auf ganzer Länge des Schnittes – ein Teil der Straße S16 E sowie die Südhälfte der Insula S16/17 E. Sie wurde vollständig freigelegt und bildet einen großen Werkstattkomplex von ca. 1200 m² Größe. Die Bebauung verteilt sich auf insgesamt vier nach Westen ansteigenden Terrassen (A-D), die einen Höhenunterschied von insgesamt ca. 6,00 m aufweisen.

 

Abb3_GrabungGes

Abb. 3: Gesamtansicht der Grabung


Es lässt sich eine kontinuierliche Frequentierung des Areals von der Mitte des 6. Jhs. v. Chr. bis zur Eroberung der Stadt durch die Karthager 409 v. Chr. nachweisen. Zahlreiche Umbauphasen, künstliche Geländeerhöhungen, Erneuerungen und Umstrukturierungen bezeugen seine intensive Nutzung.

 

Die Werkstatt

Terrasse A

Abb4_Terrasse A

Abb. 4: Terrasse A

Die unterste Terrasse diente vor allem dem Brand der Produkte. Vier Öfen sind am Kopf der Insula konzentriert – zwei von rechteckiger, zwei von runder Form –, die bis in die letzte Phase der Stadt genutzt wurden (Abb. 4). Während drei dieser Öfen von den öffentlichen Bereichen des Platzes und der Straße aus befeuert werden konnten, liegt der größte von ihnen (Durchmesser 5,30 m) im Verbund mit einem großen Werkstattraum, von dem aus seine beiden Praefurnien bedient wurden. Dieser Bau ist durch ein Feuer während der Eroberung der Stadt durch die Karthager 409 v. Chr. zerstört worden. Dabei stürzte das Dach ein, unter dem sich die Ausstattung des Innenraums auf dem gepflasterten Fußboden gut erhalten hat, so dass verschiedene Funktionsbereiche zu bestimmen sind: u.a. ein Brunnen mit benachbartem Wasserbecken und mehrere Schüsseln zur Aufbereitung des Tons, mehrere Arbeitsbereiche, ein abgetrennter Raum mit Kochstelle zur Zubereitung von Mahlzeiten sowie ein kleines Werkstattheiligtum.

 

Terrasse B

 

Abb5_Terrasse B

Abb. 5: Terrasse B

Die zweite Terrasse besteht aus zwei Höfen zum Trocken der Waren und Aufbewahren der Brennstoffe sowie, parallel zur Straße, einem großen Rechteckbau von 14,00 x 6,00 m (Abb. 5), der vermutlich der Lagerung und dem Verkauf diente. Vor diesem ist die Straße zu einer Art Vorplatz erweitert, der vermutlich der Anlieferung bzw. dem Abtransport der Rohstoffe und der fertigen Waren diente.

Die Wasserversorgung dieses Bereiches wurde durch einen weiteren Brunnen im Nordosten des Hofs gewährleistet.

In archaischer Zeit war der große Hof – wie der Rest der Anlage – durch eine Mauer von der Werkstatt in der nördlichen Insulahälfte getrennt. In der Spätarchaik wurde diese Mauer auf ganzer Breite abgerissen, so dass es zu einer Zusammenlegung der beiden Werkstätten kam.

 

Abb6_Terrasse BC

 Abb. 6: Der Bereich zwischen Terrasse B und C mit Rundofen


Terrasse C

Auf der dritten Terrasse (Abb. 7) befinden sich zu Seiten eines zur Straße offenen Vorplatzes zwei rechteckige und ein runder Ofen, die bei Aufgabe der Werkstatt nicht mehr in Benutzung waren. Dahinter liegt eine große, zweischiffigen Halle (8,50 x 20,50 m), die durch vier Setzungen für Pfeiler in der Mittelachse gegliedert ist und über einen einfachen Lehmboden verfügte; zahlreiche Funde von Dachziegeln und Firstkalypteren belegen ein Giebeldach. Vermutlich handelt es sich um einen großen Arbeits- und Lagerraum. Vor dem sehr gut erhaltenen runden Ofen, der auf einem niedrigeren Niveau liegt (Abb. 6), gibt es einen ursprünglich offenen Raum zu dessen Feuerung, daneben einen schmalen gepflasterten Raum mit Wasserbecken. Ursprünglich war dieser mit einem weiteren länglichen Raum im Norden verbunden, dessen Niveau jedoch erhöht und mit der großen Halle vereint wurde.

 

Abb7_Terrasse C

Abb. 7: Terrasse C

Terrasse D

 

Die oberste, westliche Terrasse ist mit einem großen Gebäudekomplex (Abb. 8) bebaut, der aus einem zentralen langen Hof mit flankierenden Räumen im S und N besteht. Der südliche, der Straße zugewandte Teil mit zwei Räumen war ursprünglich ein offener, gepflasterter Vorplatz. Zumindest in diesem Bereich finden sich zahlreiche Hinweise auf Aktivitäten mit Wasser, das von außerhalb, hangabwärts von Westen in dieses Areal eingeleitet und auf die Straße abgeleitet wurde. Im Hof konnte ein aus Dachziegeln gesetzter, rechteckiger Herd und eine kleine Kultnische nachgewiesen werden. Obwohl die gesamte Anlage im Grundriss stark an Wohnhäuser erinnert, fehlt Fundmaterial für eine häusliche Sphäre. Zwar wurden hier Webgewichte gefunden, jedoch in deutlich höherer Zahl, als in einem Wohnhaus anzunehmen wäre, während gleichzeitig Werkzeuge und Stempel den Komplex funktional eher in die Nähe der Werkstatt rücken. Es scheint sich insofern um einen Bereich gehandelt zu haben, in dem mit Wasser gearbeitet wurde und wo Lagerkapazitäten bestanden.

Abb8_Terrasse D

Abb.8: Terrasse D

Artikelaktionen