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Didyma 2011

Das Theater des Apollonheiligtums von Didyma

 

Die Grabungen von 2011 ergaben, dass die 2010 gefundenen Mauerstrukturen nur zu einem halbkreisförmigen Bau passen können. Folglich wurde 2010 keine Terrassenmauer gefunden, sondern das nördliche Analemma der Cavea eines Theaters

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Für seinen Bau kamen zahlreiche Spolien zur Anwendung. Besonders erwähnenswert sind die im Analemma verbauten Stadionstufen. Sie stammen vom südlich des Apollontempels gelegenen Stadion, welches in hellenistischer Zeit errichtet worden war; und offensichtlich teilweise in der Kaiserzeit abgetragen wurde. Die nördliche und die neu gefundene, nordwestliche Analemma- Mauer gleichen sich im Aufbau, d. h. sie sind zweischalig gesetzt, durchschnittlich 1,20 m breit und nur die Blöcke der äußeren Schale sind verklammert.

2010 waren unsere Arbeiten auf den Mauerbereich in Nähe der Treppe und der nordwestlichen Ecke konzentriert – dieses Jahr forschten wir weiter in Richtung Osten und Süden. Im Osten endete das Analemma abrupt in der Ecke eines neuzeitlichen Hauses. Der östlichste Block der Innenschale der Mauer war hier eine Spolie, eine hellenistische Statuenbasis des 3. Jhs. v. Chr. In der Gasse östlich der Hausmauer fanden wir 2010 und 2011 nur Verfüllschichten, deren jüngste Funde hellenistisch sind. Daher ist der ursprüngliche Aufbau des Analemma in östlicher Richtung bislang noch unklar.

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Bei der Freilegung in westlicher Richtung ergab sich, dass das Analemma dort nicht in seiner gesamten Ausdehnung gerundet war. Von seiner nordwestlichen Ecke an verläuft es zunächst auf rund 8 m Länge gerade nach Osten. Weiterhin trat in Schnitt 5 unter verstürzten Blöcken die Oberkante des Analemma-Fundaments zutage, die etwa 6 cm hervorragt, und so wohl einen Hinweis auf die Höhe des Laufniveaus in diesem Bereich gibt.

In Sondage 9 machten wir den bedeutendsten Fund des Jahres: Dort fand sich eine fein gearbeitete, gekrümmte Sitzstufe, die 41 cm hoch ist. Ihre Vorderseite zierte von unten nach oben eine gerade Leiste, eine Hohlkehle und wahrscheinlich eine torusförmige Leiste als oberer Abschluss. Am südlichen Rand der Sondage konnte noch eine weitere, tiefer liegende Sitzstufe ausgemacht werden sowie am nördlichen Rand Fundamentblöcke für die nächst höheren Sitzreihen.

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Im benachbarten Schnitt 4 fanden wir unter einer spätantiken Auffüllung größere Blöcke, die ebenfalls unterschiedliche Höhenniveaus aufweisen, die jeweils um rund 40 cm differieren. Somit kann man festhalten, dass die Höhen der Fundamente und Sitzstufen der Sondagen 4 und 9 übereinstimmen und sie außerdem gleich ausgerichtet sind.

Wahrscheinlich in einer späteren Bauphase wurden dem nördlichen Analemma mehrere im Grundriss trapezförmige Mauern vorgeblendet. Sie sind auf Bruchstein-Mörtelfundamenten errichtet, welche auf Fels gründen. Darüber bestehen sie auch aus Bruchsteinen und Mörtel, wobei die äußeren Bruchsteine quaderförmig zugehauen sind. Über die ursprüngliche Höhe der Mauern sind keine Aufschlüsse möglich, weil sie – wie auch das Analemma – in nachantiken Zeiten abgetragen wurden. Vier solcher Mauern konnten wir vorerst feststellen, die sich alle in Aufbau und Größe glichen. Niveauübereinstimmungen zwischen ihnen und dem Analemma aus Quadern machen es wahrscheinlich, dass man die Bruchsteinmauern nicht lange nach der Errichtung des Analemma baute.

 

Die Rekonstruktion des Theatergrundrisses ist möglich mithilfe der gekrümmten Bauglieder aus zwei Bereichen: dem der Sitzstufen und dem der nördlichen, gekrümmten Analemma-Mauer. Die sich dabei ergebende Form der Cavea ist typisch für ein griechisches Theater, weil seine Größe deutlich über den Halbkreis hinausgeht. Die Cavea hatte zuerst einen Durchmesser von etwa 48 m, wobei die Orchestra nur einen Durchmesser von 12 m aufwies. Vermutlich in einer zweiten Bauphase wurde der Zuschauerraum vergrößert, wovon die Bruchsteinmauern zeugen. Sie waren wahrscheinlich überwölbt und es wird mehrere Etagen mit Bögen gegeben haben. Die Cavea hatte nach der Vergrößerung einen Durchmesser von etwa 56 m.

Das Theater von Didyma ist aber auch so immer noch kleiner als die meisten Theater größerer Poleis. Von seinen Abmessungen her gleicht es z. B. dem des Apollonheiligtums von Delphi, dessen Cavea 52,5 m im Durchmesser misst.

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Die Maße der fast vollständig erhaltenen Sitzstufe aus Schnitt 9 ermöglichten es weiterhin, Aufschlüsse über den inneren Aufbau des Zuschauerraumes zu erhalten. So ergab sich, dass die Cavea in der ersten Phase fünfundzwanzig Sitzreihen hätte beherbergen können, und damit womöglich an die 3000 Zuschauer Platz gefunden hätten. Vermutlich in einer zweiten Phase wurde der Zuschauerraum um sechs Sitzreihen vergrößert, und die Cavea fasste nun etwa 4000 Zuschauer.

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Das Theater von Didyma ist nicht vom römischen Typ, u. a. weil bei solchen Cavea und Skene einen zusammenhängenden Baukomplex bildeten; das war in Didyma aber nicht der Fall. Die Skene muss hier ein separater Bau gewesen sein. Bei den Ausgrabungen 2010 und 2011 wurden jedoch südlich des Apollontempels noch keine Bauteile oder Fundamente einer Skene gefunden. Aber es traten bereits bei den Ausgrabungen Anfang des 20. Jhs. zahlreiche Werkstücke eines sog. Tabernakelbaues zutage, dessen Fassade zweigeschossig war. Bauten dieses Typs sind u. a. für Bühnengebäude geläufig. Mit dem Neufund des kaiserzeitlichen Theaters kann man deshalb vermuten, dass der Tabernakelbau von seinem Bühnenhaus stammt. Sollte sich dieser Verdacht bestätigen, hätte man obendrein einen weiteren Anhaltspunkt für die Datierung einer Bauphase des Theaters. Der Bau war nämlich u. a. dem römischen Kaiser Hadrian (117-138 n. Chr.) geweiht.

2010 fanden wir unter der Treppe des nördlichen Analemma eine Münze Neros, die in Milet zwischen 64 und 68 n. Chr. geprägt wurde. Sie bildet einen sicheren Terminus post quem der Analemma-Mauer und der bisher ältesten Theaterphase. Weiterhin gibt es datierbare Keramik aus den Sondagen nördlich der Treppe; dort traten Scherben zutage, mit denen sich womöglich die Erweiterung der Cavea zeitlich einordnen lässt. Sie datieren in den Zeitraum zwischen zweiter Hälfte 1. Jhs. n. Chr. bis erstes Viertel 2. Jh. n. Chr. Die Erweiterung könnte also gleichzeitig mit der ersten Phase oder in einer zweiten Phase – zusammen mit dem Bau des Bühnengebäudes – erfolgt sein.

 

Der Fund eines Theaters im Apollonheiligtum von Didyma ist einerseits bemerkenswert, aber andererseits ist damit der Normalfall für so ein bedeutendes extraurbanes Heiligtum eingetreten; denn die meisten wichtigen extraurbanen Heiligtümer besitzen einen solchen Bau, wie z. B. das Apollonheiligtum von Delphi, das des Zeus in Dodona oder das des Poseidon in Isthmia. Eine Besonderheit stellen Theater allerdings für extraurbane Heiligtümer Kleinasiens dar; hier sind nur wenige nachgewiesen, wie z. B. für das Apollonheiligtum von Aigai bei Pergamon.

Obwohl man in Didyma bis 2011 nie einen archäologischen Hinweis für die Existenz eines Theaters gefunden hatte, vermuteten manche Forscher schon Anf. des 20. Jhs., dass es ein solches gegeben haben könnte. In Siegerinschriften des 3. Jhs. n. Chr. werden nämlich Gesangs-, Theater- und Redewettbewerbe genannt, die zu Ehren Apollons in seinem Heiligtum stattfanden. Da jedoch kein Theater in Didyma zutage getreten war, meinte man, diese Wettbewerbe wären vielleicht in einem temporären Bau, d. h. im Stadion oder auf dem Tempelvorplatz abgehalten worden. Diese Annahme ist nun nicht mehr nötig. Womöglich gab es seit der 2. Hälfte des 1. Jhs. n. Chr. ein Theater im Apollonheiligtum von Didyma, welches für die musischen Agone zur Verfügung stand.

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