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Didyma 2010

Die Grabungen in Didyma 2010

Als wichtigstes Resultat ist die Entdeckung einer monumentalen Mauer zu werten, durch die ein Bereich des Heiligtums näher erschlossen wird, der bislang völlig unbekannt war. Es handelt sich um eine von Osten nach Westen verlaufende, leicht gekrümmte Terrassenmauer, die südlich des Apollontempels eine höher liegende Geländestufe einfasste. Sie befindet sich etwa 55 m vom Tempel entfernt und wies mit ihrer Außenseite nach Norden. Die Mauer konnte auf einer Länge von knapp 23 m verfolgt werden. Sie erreicht eine Breite von 1,20 m und erhebt sich stellenweise noch bis zu 3,45 m hoch über dem anstehenden Fels; dabei sind maximal sechs Lagen erhalten.

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In ihrem östlichen Abschnitt wird die Mauer von einer 1,56 m breiten Treppe unterbrochen. Erhalten haben sich fünf der ursprünglich mindestens sieben Treppenstufen. Die oberen wurden von Wangen flankiert, die aus kurzen, nach hinten weisenden Quermauern bestehen. Das antike Bodenniveau lag im Bereich der Treppe ca. 2 m unter der heutigen Maueroberkante, wobei aber davon ausgegangen werden kann, dass die Mauer ursprünglich höher war. Ihre Bausubstanz bilden mächtige Spolienblöcke unterschiedlicher Zeitstellung, wobei auffällig ist, dass für die Mauer fast nur Quader bzw. ehemalige Fundamentblöcke aus Kalkstein verwendet und bis auf mehrere Sitzstufen des Stadions Reste aufgehender Architektur oder gar Skulpturen oder andere Ausstattungsobjekte nicht verbaut wurden.

Über weite Strecken ist die Mauer zweischalig gesetzt. Auf Ansicht gearbeitet ist nur die nach Norden gerichtete Mauerschale, während die südliche, bedingt durch die unterschiedlich großen Spolien, keine einheitliche Mauerfläche bildete. Um eine höhere Stabilität der Terrassenmauer zu erreichen und den Druck der Hinterfüllung besser abfangen zu können, hatte man ihr auf der Vorderseite Pfeiler vorgelegt, deren Quader in die Mauer einbanden. Außerdem ist die Sorgfalt der technischen Ausführung des aufgehenden Mauerwerks und seiner Fundamentierung bemerkenswert. So waren die Mauerblöcke mit Π-förmigen Eisenklammern verbunden.

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Von der besonderen Bedeutung der Mauer und des von ihr eingefassten Areals zeugen schließlich noch Reste einer späteren Baumaßnahme. Es handelt sich hierbei um zwei sehr sorgfältig ausgeführte mörtelverfugte Bruchsteinmauern. Sie flankieren die Treppe nach Norden und sind an die ältere Terrassenmauer angesetzt. Unmittelbar über dem Treppenauflager gründend, zieht die jeweils zur Treppe ausgerichtete Mauerschale schräg nach innen, so dass der Grundriss der Mauern leicht trapezförmig ist. Man kann deshalb annehmen, dass diese beiden konvergierenden Mauerzüge den Terrassenzugang mit einer Art Vorbau sicherten, dessen nördliches Ende vielleicht verschließbar war.

Einen ersten Anhaltspunkt zur Zeitstellung der Mauer scheinen die verbauten Sitzstufen des Stadions zu liefern. Auch wenn über die Aufgabe des Stadions keine konkreten Informationen vorliegen, wird man diese nicht vor dem Ende der Didymeen in der 2. Hälfte des 3. Jhs. n. Chr. annehmen wollen. Sollten die sog. Stadionstufen tatsächlich erst aus diesem Anlass aus dem Stadion entfernt worden sein, wäre damit ein terminus post quem für die Errichtung der Mauer gewonnen. Es bleibt jedoch fraglich, ob die Kalksteinstufen wirklich erst mit Aufgabe des Stadions oder teilweise nicht vielleicht auch bereits zu einem früheren Zeitpunkt, beispielsweise im Zusammenhang mit der inschriftlich gut dokumentierten Neugestaltung des Heiligtums im 2. Jh. n. Chr. entfernt worden sein könnten. Schließlich wäre eine Datierung der Terrassenmauer nach der 2. Hälfte des 3. Jhs. n. Chr. in verschiedener Hinsicht erklärungsbedürftig. Abgesehen von ihrer sorgfältigen Ausführung, stellt sich zum Beispiel die Frage, warum Spolien aufgehender Marmorarchitektur fehlen, wissen wir doch, dass in Folge der einfallenden Goten, die ab 262/63 n. Chr. die Städte und Heiligtümer an der kleinasiatischen Küste bedrohten, viele qualitätvolle Bauten und Ausstattungsobjekte für die hastige Errichtung von Verteidigungsmauern verwendet wurden. Für die in jedem Fall später angesetzten Bruchsteinmauerschenkel, die offensichtlich der Sicherung der Treppe dienten und mit einiger Wahrscheinlichkeit eine äußere Bedrohung voraussetzen, käme aus historischen Gründen eine Datierung in die 2. Hälfte des 3. Jhs. in Frage. Die noch offenen Datierungsfragen sollen 2011 durch gezielte Grabungen geklärt werden.

Zuletzt bleiben schließlich noch Ausdehnung und Funktion der monumental eingefassten und sehr exponiert in Erscheinung getretenen Terrasse zu erörtern. Die Ausdehnung der Terrassenmauer nach Westen und Osten ist bisher noch nicht abschließend geklärt. Im westlichen Abschnitt bildet sie eine vermeintliche Ecke und scheint nach Süden umzubiegen. Ihr östlichster Abschnitt hingegen liegt unter einer neuzeitlichen Hausruine, die eine weitere Freilegung vorerst verhindert. Deshalb konnte lediglich in ihrer vermutlichen östlichen Verlängerung, in einer von Norden nach Süden verlaufenden Gasse, ein Schnitt angelegt werden. Hier trat die Mauer jedoch nicht wieder zutage, so dass damit zu rechnen ist, dass sie bereits vorher nach Süden umbog oder stärker gekrümmt nach Osten weiterlief. Aufschluss über die tatsächliche Funktion der Terrasse werden erst weitere Grabungen geben können. Zum jetzigen Zeitpunkt ist aber bereits bemerkenswert, dass hinter der Mauer eine Schicht mit archaischem Fundmaterial angetroffen wurde, die beispielsweise eine Vielzahl von Pfeilspitzen und andere Votivreste enthielt, was zunächst darauf hindeutet, dass dieser Bereich bereits zum archaischen Hauptheiligtum gehörte. Es ist sogar wahrscheinlich, dass in dem Gebiet, das durch die Terrassenmauer neu gefasst wurde, nicht erst in römischer Zeit ein bedeutender Bau stand. Denn bemerkenswerterweise enthielt die Schicht hinter der Mauer auch spätarchaische Architekturteile, wie eine große Anzahl von Dachziegeln des 6. Jhs. v. Chr., darunter ein Gorgonen-Antefix, das Fragment einer Deckplatte aus grünem Serpentinit, die zu einem Altar gehörte, ein marmornes Eierstabfragment und mehrere Fragmente von Säulentrommeln.

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